01.09.2002 :
Interview SUPER SONNTAG
mit Angelika Storz und Michael Bühnemann
„Das ganze Dorf ist der Star“
Mildensee mobilisierte all seine Kräfte, um dem Wasser zu trotzen.
Mildensee ist beim Jahrhunderthochwasser
noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Über die Gründe,
die den Dessauer Vorort vor noch Schlimmeren verschont haben, wird viel
spekuliert. Die Flutung der Goitzsche könnte dabei eine Rolle gespielt
haben, aber auch die eigenen Kräfte, die die Mildenseer mobilisiert
haben. Der SUPER SONNTAG sprach mit Ortsbürgermeisterin Angelika
Storz und ihrem Stellvertreter Michael Bühnemann über die
Geschehnisse der letzten 14 Tage.
Woran denken sie zuerst,
wenn Sie die Situation der letzten Tage Revue passieren lassen und was
hat ihrer Meinung nach Mildensee vor Schlimmeren bewahrt?
Storz: Ich denke zuerst an die Leute, die unglaubliches
geleistet haben, um ihren Ort zu retten. Wir haben das selber nicht
für möglich gehalten, was da auf die Beine gestellt wurde.
Da war mein Stellvertreter Michael Bühnemann, den wir jetzt mit
Fug und Recht Deichfürst nennen, der einen gigantischen Stab befehligt
hat. Lutz Pannicke, Stephan Häubner, Christian Bühnemann,
Lothar Fiedler, Bernd Künne, Volkmar Schulze, übrigens alles
Firmen-Inhaber, sowie Eberhard Hülz und Siegfried Hittinger waren
für jeweils einen Deichabschnitt verantwortlich und kämpften
unter der Regie von Michael Bühnemann gemeinsam mit vielen, vielen
freiwilligen Helfern vor Ort. Unbedingt erwähnt werden müssen
auch Werner Bühnemann, der als ehemaliger Wasserwirtschaftler sein
Wissen nutzbringend einbrachte, und Axel Peine, der am Computer rund
und die Uhr Wasserströme und Pegelstände berechnete. Annette
Moll und ihre Frauen haben es mit Unterstützung des THW geschafft,
zeitweise bis zu 2 000 Helfer mit Getränken und Essen zu versorgen.
Ihr Mann Achim Moll sorgte gemeinsam mit Harald Burg in Sollnitz dafür,
dass Mildensee mit Tausenden Sandsäcken versorgt wurde. Doris Günther
war für die Logistik zuständig und holte Hilfe von allen ihr
bekannten Fuhrunternehmen herbei. Frieder Helm unterstützte die
Sicherung der Deiche mit sämtlicher Technik, die die ehemalige
LPG her gab. Und auch Frank Segatz von der Autobahnmeisterei zeigte
sich sehr kooperativ. Maik Armelang und Siegfried Wentzkat waren Tag
und Nacht als Kuriere unterwegs, um uns mit Material, Pflaster, Mückenspray
und vor allem mit dringend benötigten Informationen zu versorgen.
Eckhard Röscher stand mir im Landjägerhaus unmittelbar zur
Seite und verfasste sogar Pressemitteilungen. Nicht zu vergessen sind
Angelika Redemske und Achim Spieler, die als Quartiermeister mehr als
1000 Leuten in der Schule und im Schullandheim einen Schlafplatz boten.
Alle aufzuzählen ist wirklich nicht möglich, denn eigentlich
ist das ganze Dorf der Star. Um den letzten Teil der Frage zu beantworten,
ich denke, dass es Tausend kleine Mosaiksteinchen waren, die letztlich
zum Erfolg geführt haben. Die Mildenseer sind auch dann nicht vom
Deich gewichen, als er in einer Nacht an acht Stellen nachgab und nicht,
als die Polizei sie daran hindern wollte.
Herr Bühnemann, wo und wann erfuhren sie von der Evakuierung
Mildensees?
Bühnemann: Das war am Dienstagnachmittag. Wir
waren zu diesem Zeitpunkt schon mit Frau Storz im Landjägerhaus
versammelt. Unternehmen konnten wir am Dienstag noch gar nichts, da
wir keinen einzigen Sandsack hatten. Also haben wir erst einmal bei
der Evakuierung einiger älterer Bewohner geholfen. Als nächstes
mussten die Tiere aus dem Ort gebracht werden. Deichkontrollen hatten
wir bereits eingeteilt.
Wann kam das Wasser?
Bühnemann: Das kam dann im Laufe des nächsten
Tages, am Mittwoch. In der Nacht konnte man dann schon von flutartigen
Zuständen sprechen. Der Wall an der Kirche war der Schwerpunkt.
Das Wasser schwappte an einigen Stellen bereits über den Deichkamm,
an anderen Stellen sickerte es am Deichfuß durch.
Kurios war, dass plötzlich ein Polizist auftauchte und den Befehl
erteilte, alles runter vom Deich. Die Mildenseer sind dann auf Schleichwegen
wieder an den Deich und haben weiter gearbeitet. Mitten in der Nacht
tauchte dann die Berufsfeuerwehr Dessau auf und sorgte für Beleuchtung.
Bis dahin mussten wir die undichten Stellen im Dunkeln finden und sichern.
Was waren die kritischsten Momente?
Storz: Das war die Nacht, ich weiß nicht einmal
das Datum, in der das Wasser pro Stunde um 15 Zentimeter stieg. Da haben
wir 32 Stunden am Stück nicht geschlafen.
Bühnemann: Kritisch wurde es dann aber auch noch einmal, als von
der anderen Seite die Elbefluten kamen und dem Dellnauer Verbandsdeich
arg zusetzten. Da gab es Unterstützung von neun Hubschraubern und
Tauchern, die Folien am Deich auslegten.
In dieser Woche tagte das Festkomitee, um über das am nächsten
Wochenende geplante Anhaltische Gebietsfest zu entscheiden. Wird es
das Fest geben?
Storz: Nein. Das Festkomitee hat entschieden, das Anhaltische
Gebietsfest zu diesem Termin ausfallen zu lassen, weil die Gemeinden,
für die das Fest gedacht war, teilweise unter Wasser stehen. Wir
sind natürlich auch innerlich von der Situation in Waldersee so
betroffen, dass wir jetzt nicht in der Lage wären, ausgelassen
zu feiern. Über eine kleinere Lösung zu einem späteren
Zeitpunkt denken wir nach.
Was hat das Hochwasser noch zu Tage gebracht, welche Konsequenzen
müssen gezogen werden?
Storz: Das Hochwasser hat gezeigt, wie kleine Leute,
denen manch einer nichts zugetraut hätte, zu wahren Helden geworden
sind. Und es hat uns noch enger zusammengeschweißt. Es hat auch
gezeigt, dass der Mittelstand stärker ist, als man denkt und seine
Kräfte mobilisieren kann.
Eine ganz wichtige Konsequenz ist, dass wir uns als Mildenseer und Walderseer
gemeinsam stark machen müssen, für den Neubau unserer Deiche.
Es darf nie wieder passieren, dass einer der Vorposten fällt.
Bühnemann: Das Hochwasser hat gezeigt, in welch
schlechtem Zustand die Deiche sind. Hier muss unbedingt sofort was passieren.
Auch in die Pflege der Deiche muss wieder mehr investiert werden. Es
kann nicht sein, dass meterhohes Unkraut, Bäume und Maulwurfhügel
die Schutzarbeiten behindern. Die Ereignisse in den letzten Wochen haben
aber auch an den Tag gebracht, dass die Jugend viel besser ist als ihr
Ruf und genauso anpacken kann, wie ihre Mütter und Väter.
01.09.2002
Das Hochwasser und die
Folgen
„Da ist ein Stück Leben zerbrochen“
Dank- und Fürbitt- Gottesdienst in Mildensee
Eva-Maria Schneider weiß
um das Durcheinander der Gefühle. Da sind Freude und Dankbarkeit.
Da sind aber auch Trauer und Kummer. Schneider, Pfarrerin von Mildensee,
Waldersee, Sollnitz und Kleutsch, fällt der Umgang damit schwer.
Mildensee gerettet, Waldersee gefallen, da prallen Extreme aufeinander.
„Es tut weh, den Walderseern in ihrer Verzweiflung zu begegnen",
gesteht die Pfarrerin. Im Ort seien nicht nur Häuser und Grundstücke
zerstört, "da ist ein Stück Leben zerbrochen, weggespült
von der Flut". "Wir waren ausgeliefert der Gewalt des Wassers,
ohnmächtig, voller Angst", erinnert Schneider an die Tage
im August. Bis zur Mildenseer Kirche stand das Wasser, zum Dank- und
Fürbitt- Gottesdienst am Sonntag ist das nicht vergessen. „Wir
haben lange gedacht, schlimmer als 1954 kann es nicht kommen."
Es kam schlimmer. „Uns war die Rolle zugewiesen worden, der zu
sein, der am Boden liegt, um den man sich nicht mehr kümmern braucht,
weil es keinen Sinn hat", erklärt Schneider die Mildenseer
Verbitterung. "Uns hat diese Rolle nicht gefallen. Wir haben etwas
getan. Mildensee hat sich ein Wunder erarbeitet und schaut manchmal
etwas ungläubig darauf. Es entstand ein Gefühl der Gemeinschaft,
der Solidarität, des Füreinanderdaseins", weiß
Schneider. Wir dürfen uns freuen, dass Mildensee bewahrt worden
ist." Und doch gibt es Wunden. Es wird Zeit brauchen, das Geschehene
zu verarbeiten", gibt Schneider zu. Die Pfarrerin ist auch persönlich
betroffen. 1,60 Meter stand das Wasser in der Walderseer Kirche und
hat vieles kaputt gemacht. „Die Kirche kriegen wir wieder hin",
versichert Schneider, aber voller Trotz. Ihren Walderseern hat sie gesagt:
„Ich kümmere mich um die Kirche. Kümmern Sie sich um
sich selbst." Da ist genug zu tun.
Gespenstisch sieht Waldersee noch immer aus: Die Straßen vollgestellt
mit Sperrmüll, die Häuser grau und leer, liegt ein modriger
Geruch in der Luft, der manchmal den Atem nimmt. Waldersee ist dabei,
Ordnung in das Chaos zu bringen, zu verarbeiten, was kaum zu begreifen
ist. Beim Gottesdienst in Mildensee wurde für die Kameraden der
Freiwilligen Feuerwehr Waldersee gesammelt. „Die hatten keine
Chance, bei sich zu Hause etwas zu retten", sagt Pfarrerin Schneider.
3 2 5 0 Euro kamen zusammen. "Damit hatten wir nicht gerechnet!“